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Lexikon

Höflichkeit & Etikette

Höflichkeit spielt im japanischen Alltag eine wichtige Rolle. Dabei geht es nicht nur darum, besonders freundlich zu sein, sondern auch darum, Rücksicht auf andere zu nehmen, Situationen richtig einzuschätzen und das eigene Verhalten an das Umfeld anzupassen. Was unter engen Freunden völlig normal ist, kann gegenüber einem Vorgesetzten oder einer fremden Person schnell zu locker wirken.

Gerade in einer Großstadt wie Tokio sind viele dieser Regeln weniger starr, als es von außen manchmal erscheint. Trotzdem gibt es zahlreiche ungeschriebene Konventionen, die den Alltag prägen.

Begrüßung & Verbeugung


Die Verbeugung (お辞儀, ojigi) gehört zu den bekanntesten Formen japanischer Höflichkeit. Sie wird zur Begrüßung und Verabschiedung, aber auch als Dank, Entschuldigung oder Zeichen des Respekts verwendet.

Wie tief und lange sich jemand verbeugt, hängt von der Situation ab. Unter Freunden reicht häufig ein kurzes Senken des Kopfes, während gegenüber Kunden, Vorgesetzten oder bei einer ernst gemeinten Entschuldigung eine deutlichere Verbeugung angebracht sein kann.

Händeschütteln ist nicht grundsätzlich unhöflich, gehört aber traditionell weniger zum japanischen Alltag. Im internationalen Umfeld kann es durchaus vorkommen. Umarmungen oder Begrüßungsküsse sind unter Bekannten deutlich weniger selbstverständlich als in vielen europäischen Ländern.

Schuhe ausziehen


In privaten Wohnungen werden die Schuhe normalerweise bereits im Eingangsbereich, dem genkan (玄関), ausgezogen. Häufig stehen Hausschuhe für Gäste bereit. Die Schuhe werden dabei nicht einfach mitten im Eingangsbereich liegen gelassen, sondern ordentlich abgestellt.

Auch in manchen traditionellen Restaurants, Ryokan, Tempeln, Schulen oder anderen Einrichtungen müssen Schuhe ausgezogen werden.

Eine zusätzliche Besonderheit sind Toilettenpantoffeln. In manchen Wohnungen und Einrichtungen stehen vor der Toilette separate Hausschuhe bereit. Sie werden ausschließlich dort getragen – und sollten keinesfalls anschließend versehentlich durch die restliche Wohnung getragen werden.

Ruhe und Rücksichtnahme


Ein wichtiger Grundgedanke ist, andere möglichst wenig zu stören. Besonders deutlich wird das in öffentlichen Verkehrsmitteln.

In Zügen und U-Bahnen wird meist relativ leise gesprochen. Telefonate im Zug gelten grundsätzlich als störend und werden nach Möglichkeit vermieden. Smartphones werden lautlos gestellt und Musik wird über Kopfhörer gehört.

In vollen Bahnen gehört es außerdem zum Alltag, sich so zu verhalten, dass möglichst wenig zusätzlicher Platz beansprucht wird. Große Taschen werden beispielsweise nicht unbedingt auf dem Sitz neben sich abgestellt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Tokio überall still ist. Einkaufsstraßen, Izakaya, Spielhallen, Bahnhöfe oder Vergnügungsviertel können ausgesprochen laut und lebendig sein. Die erwartete Lautstärke hängt stark vom jeweiligen Ort ab.

Essen in der Öffentlichkeit


Die häufig wiederholte Behauptung, in Japan dürfe man grundsätzlich nicht im Gehen essen, ist zu pauschal. Trotzdem ist es in vielen Situationen üblicher, an einem Ort stehenzubleiben oder sich hinzusetzen, anstatt während des Laufens zu essen.

Bei Festivals, Märkten oder bestimmten Streetfood-Gegenden ist Essen unterwegs hingegen vollkommen normal.

In öffentlichen Verkehrsmitteln hängt es ebenfalls von der Situation ab. In gewöhnlichen Stadtzügen und U-Bahnen ist eine komplette Mahlzeit eher unüblich. In einem Shinkansen oder anderen Fernverkehrszügen gehört ein Ekiben, eine am Bahnhof verkaufte Bento-Box, dagegen praktisch zur Reisekultur.

Essen & Tischmanieren


Vor dem Essen hört man häufig:

Itadakimasu (いただきます) – sinngemäß ein dankbarer Ausdruck vor der Mahlzeit.

Nach dem Essen:

Gochisōsama deshita (ごちそうさまでした) – ein Dank für das Essen.

Bei Essstäbchen gibt es einige besonders wichtige Regeln. Stäbchen sollten nicht senkrecht in eine Schüssel Reis gesteckt werden, da dies mit buddhistischen Bestattungsritualen verbunden ist. Ebenso sollte Essen nicht direkt von einem Paar Essstäbchen zum anderen weitergegeben werden, da auch dies an einen Bestattungsbrauch erinnert.

Mit den Stäbchen auf andere Personen zu zeigen oder damit herumzuspielen gilt ebenfalls als schlechte Tischmanier.

Bei Nudeln ist dagegen etwas erlaubt, was aus deutscher Perspektive zunächst ungewöhnlich wirken kann: Schlürfen ist gesellschaftlich akzeptiert. Es ist allerdings keine Pflicht.

Trinkgeld


Trinkgeld ist in Japan grundsätzlich nicht üblich. In Restaurants, Cafés, Taxis oder Hotels wird normalerweise der verlangte Betrag bezahlt, ohne zusätzliches Geld auf dem Tisch liegen zu lassen.

Ein gut gemeintes Trinkgeld kann sogar für Verwirrung sorgen, weil Mitarbeiter möglicherweise davon ausgehen, dass Geld versehentlich zurückgelassen wurde.

In bestimmten hochpreisigen oder traditionellen Kontexten können andere Formen von Geldgeschenken existieren, doch das entspricht nicht dem gewöhnlichen Trinkgeldsystem, das man beispielsweise aus den USA kennt.

Bezahlen


In vielen Geschäften wird Geld oder die Karte nicht direkt in die Hand des Mitarbeiters gedrückt. Häufig befindet sich an der Kasse eine kleine Ablage, auf die Bargeld gelegt wird.

Mittlerweile sind Kartenzahlungen, IC-Karten und mobile Zahlungsmethoden besonders in Tokio weit verbreitet. Trotzdem spielt Bargeld weiterhin eine größere Rolle als in manchen anderen Ländern.

Beim Bezahlen ist es außerdem nicht notwendig, ausführlich mit dem Personal zu interagieren. Ein kurzes arigatō gozaimasu reicht vollkommen aus.

Pünktlichkeit


Pünktlichkeit wird insbesondere im beruflichen Umfeld ernst genommen. Wer um 10 Uhr einen Termin hat, sollte nicht erst um 10 Uhr durch die Tür kommen.

Bei privaten Treffen hängt dies stärker von den beteiligten Personen ab. Auch japanische Freunde können natürlich zu spät kommen. Die Vorstellung, jeder Japaner sei grundsätzlich auf die Minute pünktlich, wäre ein Klischee.

Bei einer Verspätung ist es jedoch üblich, die andere Person möglichst früh darüber zu informieren und sich zu entschuldigen.

Geschenke & Mitbringsel


Kleine Geschenke haben im japanischen Alltag einen besonderen Stellenwert. Wer beispielsweise von einer Reise zurückkommt, bringt Kollegen, Freunden oder Familie häufig Omiyage (お土産) mit. Typisch sind regional bekannte Süßigkeiten oder andere kleine Spezialitäten.

Geschenke werden häufig ordentlich verpackt und mit beiden Händen überreicht. Dasselbe gilt für das Entgegennehmen eines Geschenks in etwas formelleren Situationen.

Dabei zählt nicht unbedingt der materielle Wert. Viel wichtiger kann die Geste sein: „Ich habe unterwegs an euch gedacht.“

Visitenkarten


Im beruflichen Umfeld besitzen Visitenkarten (名刺, meishi) weiterhin eine besondere Bedeutung. Bei einem formellen ersten Treffen werden sie häufig mit beiden Händen überreicht und entgegengenommen.

Die erhaltene Karte sollte respektvoll behandelt werden. Sie sofort achtlos zusammenzufalten, darauf herumzukritzeln oder sie vor der Person in die Hosentasche zu stopfen, kann einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Bei einem Meeting kann die Karte zunächst vor einem auf dem Tisch liegen, wodurch man sich gleichzeitig Namen und Position der Gesprächspartner merken kann.

Öffentlicher Raum


Müll wird normalerweise nicht einfach irgendwo zurückgelassen. Interessanterweise gibt es in Tokio vergleichsweise wenige öffentliche Mülleimer. Viele Menschen nehmen ihren Müll deshalb zunächst mit und entsorgen ihn später.

Auch Rauchen ist nicht überall erlaubt. In vielen Stadtgebieten gibt es ausgewiesene Raucherbereiche, während Rauchen beim Gehen auf bestimmten Straßen untersagt sein kann.

Beim Warten wird häufig ordentlich Schlange gestanden. Besonders an Bahnsteigen zeigen Markierungen, wo sich Fahrgäste aufstellen sollen. Zunächst lässt man die Personen aus dem Zug aussteigen, bevor man selbst einsteigt.

Rolltreppen


Eine bekannte Alltagsgewohnheit ist das Stehen auf einer bestimmten Seite der Rolltreppe. In Tokio wird traditionell links gestanden, sodass rechts Platz für vorbeigehende Personen bleibt. In Osaka ist eher das Gegenteil verbreitet.

Allerdings wird inzwischen zunehmend dazu aufgerufen, auf Rolltreppen nicht zu laufen, sondern stehenzubleiben.

Körperkontakt & persönliche Nähe


Körperkontakt ist im öffentlichen Alltag häufig zurückhaltender als beispielsweise in einigen europäischen oder lateinamerikanischen Kulturen. Fremde Menschen anzufassen, jemanden spontan zu umarmen oder besonders körperbetont zu begrüßen, kann daher ungewohnt wirken.

Unter Freunden und Paaren gelten natürlich andere Maßstäbe. Gerade jüngere Generationen entwickeln ihre eigenen Umgangsformen.

Auch öffentliche Zuneigung ist nicht verboten. Händchenhalten ist vollkommen normal. Sehr intensives Küssen oder körperlich ausgesprochen intime Gesten können in der Öffentlichkeit allerdings mehr Aufmerksamkeit erregen.

Entschuldigen und bedanken
Entschuldigungen sind ein fester Bestandteil alltäglicher Kommunikation. Sumimasen (すみません) ist dabei besonders vielseitig. Es kann „Entschuldigung“ bedeuten, wird aber auch verwendet, um jemanden anzusprechen oder sich indirekt für dessen Mühe zu bedanken.

Rempelt man in der U-Bahn versehentlich jemanden an, möchte an einer Person vorbeigehen oder die Aufmerksamkeit eines Mitarbeiters bekommen, ist sumimasen häufig passend.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass tatsächlich etwas Schlimmes passiert ist. Kleine Entschuldigungen dienen oft schlicht dazu, soziale Situationen angenehm und konfliktfrei zu gestalten.